„Lustiger Spruch statt Datenschutz“ – Ein Bericht aus der Schule

Hintergrund: Seit dem 25. Mai des letzten Jahres gilt in Europa die sogenannte Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Diese schreibt einheitliche, europaweite strenge Standards vor. So ist für jede Datenverarbeitung eine explizite Einwilligung des Betroffenen nötig.


Datenschutz. Diesem Wort begegnet man in letzter Zeit fast überall. Ob es um Googles neue Datenschutzvereinbarung, Facebooks Datenschutzpraktiken, Cookiebanner auf Webseiten, Whatsapp-Mindestalter, die Schufa oder ähnliches geht.

Es gibt aber einen Bereich, in dem man erschreckend wenig vom Datenschutz hört. Ein Bereich, der sich an die vorderste Stelle von Datenschützern stellen sollte und seinen Einfluss ausnutzen sollte, uns alle über Datenschutz aufzuklären: Die Schule.

Warum ist ausgerechnet in der Schule Datenschutz so wichtig?

Besonders in der Schule ist Datenschutz wichtig, da sie uns auf das Leben vorbereiten soll und es kaum einen zweiten Ort gibt, der uns so prägt, wie dieser.

Und wie sollen wir mitbekommen, das ein Grundrecht auf Datenschutz existiert, dass wir unsere Daten vor so Firmen wie Google, Facebook und co. schützen müssen, wenn Datenschutz selbst in der Schule ein Fremdwort ist?

Um meine Aussage zu verdeutlichen, folgen hier einen Spruch, den ich erst kürzlich in der Schule gehört habe:

Datenschutz? In meinem Klassenzimmer entscheide nur ich, ob die Noten angesagt werden.

Doch was genau muss beim Datenschutz in der Schule beachtet werden?

Im Prinzip umfasst Datenschutz alles, was mit personenbezogenen Daten zu tun hat. Solche Daten sind Name, Alter, Bildungsgrad und Schulnoten.

Datenschutz in der Schule umfasst aber nicht nur die personenbezogenen Daten von den SchülerInnen, sondern natürlich auch die von den Lehrkräften. Darum verwendet meine Schule zum Beispiel nur Initialen (5 Buchstaben) um die Lehrkräfte auf dem Vertretungsplan zu identifizieren.

Solcher Schutz könnte aber auch den Schülern gut tun. Tatsächlich sind mir in den letzten Jahren unzählige Datenschutzverstöße in der Schule aufgefallen.

Um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Neulich erst war ich in der Stunde, in der die Klausuren zurückgegeben wurden, nicht anwesend. Ich hatte meine Note schon zuvor erfragt, war aber doch sehr erstaunt, als ich erfuhr, dass diese Note in der Stunde mitgeteilt worden war – vor der ganzen Klasse. Ich fühlte mich natürlich ein wenig geschmeichelt, da es eine sehr gute Note war, aber fand das ganze doch recht problematisch. Was wenn ich (aus Gründen) nicht möchte, dass meine Note angesagt wird? Was wenn es mir peinlich ist, eine 1 in Informatik zu haben?
  • Häufig sagen Lehrkräfte (fast) alle Noten für ein Ereignis (Zeugnis, Klausur) vor dem Kurs an. Dabei gehen sie so vor: Sie lesen den Namen vor und, wenn nicht rechtzeitig „Nein“ gerufen wird, wird die Note gesagt. Das ist aus zwei Gründen problematisch: Erstens ist de jure eine explizite Einwilligung erforderlich. Viel Schlimmer ist jedoch, das manchmal ein „Nein“ überhört, oder manchmal bei sehr guten Noten mit Absicht übergangen wird und dann eine Note gegen den Willen des/der SchülerIn vorgelesen wird.
  • Einige Lehrkräfte projizieren sogar eine Liste mit allen Teilnoten, den Gesamtergebnissen und Namen aller SchülerInnen (auch die der fehlenden) eines Kurses an die Tafel.
  • Teilweise hängt eine Liste mit alle Namen von Schülern, die zum Beispiel eine Nachklausur schreiben oder einen Sportkurs besuchen, an einer öffentlich zugänglichen Pinnwand aus.

Natürlich sind einige dieser Punkte so gut wie unvermeidbar. Vor allem der letzte Punkt und das Einholen einer „kollektiven Einwilligung“ stellen aus meiner Sicht keine extremen Probleme dar.

Fast noch schlimmer als die tatsächlichen Verstöße finde ich aber die Reaktionen der Lehrkräfte. Neben dem doch sehr extremen Zitat, das ich bereits oben abgedruckt habe, begegnen einem häufig sarkastische Bemerkungen, Datenschutz wird als unwichtig abgetan und man wird als „seltsam“ dargestellt. Einige Lehrkräfte geben dann noch einen „lustigen“ Spruch dazu und plötzlich steht man vor dem Kurs doof dar, dessen Rechte man gerade durchsetzen wollte.

Dabei will ich tatsächlich nicht den Lehrern die Schuld an dieser Misslage geben. Datenschutz ist ein relativ neues (Grund-)Recht. Als solches existiert es eigentlich erst seit dem digitalen Zeitalter, also vielleicht 10-20 Jahren.

Auch existieren ganz im Gegenteil Lehrkräfte, die sehr vorbildlich mit Datenschutz umgehen. So nutzt eine meiner Lehrkräfte Pseudonyme für alle Klausuren und Tests. Auch gehen einige Lehrkräfte anders vor und teilen uns die Noten individuell mündlich oder auf kleinen Zetteln mit.

Wenn man sieht, dass viele Lehrkräfte Probleme mit dem Umgang mit Smartboards etc. haben, ist es kaum verwunderlich, dass Datenschutz ebenfalls vielen Probleme bereitet.

Die tatsächliche „Schuld“ (wenn man es denn überhaupt so nennen möchte) an dieser Misslage gebe ich dem Schulträger und den Ländern, die meines Erachtens und meines Wissens nicht genug getan haben, um die Lehrkräfte dazu zu bringen, den Datenschutz einzuhalten.

Doch was genau muss getan werden, um diesen Misstand zu beheben?

Die GSV (GesamtSchülerInnenvertretung) sollte, meiner Meinung nach, ihre Mitglieder auffordern, sich für die Datenschutzrechte in den Klassen einsetzen. Dies ist notwendig, da die GSV-Mitglieder die Aufgabe haben, die Interessen und Rechte der SchülerInnen durchzusetzen. Sie sollten Lehrkräfte auf Verstöße hinweisen, Beschwerdetragende unterstützen und notfalls zur Lösung der Probleme die Vertrauenslehrkräfte um Hilfe bitten.

Weiterhin sollte die GSV auch die GK (Gesamtkonferenz – Gremium der Lehrkräfte) darauf hinweisen, dass Datenschutz ein Grundrecht jeder Schülerin und jedes Schülers ist. Und die Lehrkräfte bitten, dieses Recht einzuhalten.

Der Schulträger sollte entsprechende, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte erstellen und anbieten, durch die die Lehrer über ihre Rechten und Pflichten und die der SchülerInnen aufgeklärt werden.

Außerdem sollte ein schul- oder bezirksweites Amt einer/s Datenschutzbeauftragte(n) eingerichtet werden, auf dass deutlich im Schulgebäude hingewiesen wird.

Rechtliche Hinweise

Im folgenden werde ich einige Auszüge aus den wichtigsten Stellen der DSGVO für diesen Artikel zitieren, damit die genaue Rechtslage deutlich wird.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich kein Anwalt bin und diese Hinweise nicht rechtlich korrekt sein müssen, sondern nur meine Meinung zu diesem Thema darstellen.

Im Sinne dieser Verordnung bezeichnet der Ausdruck: […] „Verarbeitung“ jeden mit oder ohne Hilfe automatisierter Verfahren ausgeführten Vorgang oder jede solche Vorgangsreihe im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten wie […] die Offenlegung durch Übermittlung, Verbreitung oder eine andere Form der Bereitstellung

Art. 4 DSGVO

Die Verarbeitung ist nur rechtmäßig, wenn mindestens eine der nachstehenden Bedingungen erfüllt ist: Die betroffene Person hat ihre Einwilligung zu der Verarbeitung der sie betreffenden personenbezogenen Daten für einen oder mehrere bestimmte Zwecke gegeben

Art. 6 DSGVO

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